18. Wie finde ich das richtige Spieltempo?

Geposted von Carl Hartmuth am

Musikern stellen sich oft die Frage, "wie schnell spielt man ein Stück". Auch im Unterricht werde ich oft danach gefragt. Seltsamerweise fragte noch niemand nach der Langsamkeit. Dies ist dem aktuellen Zeitgeist geschuldet, der geschwindigkeits- bzw. eilebetont ist. Hier finden Sie 10 Regeln, die Ihnen helfen sollen, Ihr Spieltempo zu finden. 

 1. Bestimmte Tempo-Vorgaben gibt es nur im Rahmen einer Programmmusik, wo die Musik eine unterstützende, begleitende Rolle ausübt und nicht im Mittelpunkt des Geschehens steht.. Dies ist z.B. in der Tanzmusik der Fall. Im Tanzsport (Standard- und Lateintänze) oder auch für Volkstänze gibt es hierzu exakte Tempovorgaben, an die sich Tänzer und folglich auch Musiker halten müssen. Ähnlich ist es im Theater, Film, etc. 

2. Metronomangaben über Musikstücke wie z.B. MM = 120 (MM = Mälzels Metronom) geben an, auf wieviel Taktschlägen pro Minute das Metronom eingestellt wird. Dabei handelt es sich um Vorschläge zur Orientierung, keinesfalls um verbindliche Vorgaben. Die missverständliche Verwendung des Metronoms trieb bereits L.v. Beethoven zur Verzweiflung. Die Erfindung von Johann Nepomuk Mälzel diente von Anfang an als Orientierungs- und Übehilfe zum gleichmäßigen Spielen von Übungen und Musikstücken. Dabei soll man es auch belassen. 

3. Es spielt eine große Rolle, wieviel "Klangmasse" ein Musikstück transportiert. Mehr Masse benötigt auch mehr Zeit als eine geringe Masse. Eine dreistimmige Melodie benötigt mehr Zeit als eine einstimmige Melodie, damit die Stimmen auch wahrgenommen werden können. Genau so benötigt ein Orchesterklang mehr Zeit zum Vortrag als ein einzelnes Instrument, damit die Klangvielfalt zum Ausdruck kommen kann. Ähnlich wie ein vollbeladener Lastwagen sich nicht so schnell bewegen kann wie ein leichter Sportwagen. Deshalb werden orchestrale Ausführungen immer langsamer gespielt als solistische Arrangements. 

4. Die persönliche Spielweise orientiert sich an dem Tempo, bei dem man ein Stück am sichersten zum Ausdruck bringen kann. 

5. Jede Musikgattung hat sein eigenes Tempo, bzw. seine eigene Zeit wonach sie sich orientiert. Eine Libelle mit 1000 Flügelschlägen in der Sekunde oder eine Eintagsfliege leben in einer anderen Zeit als ein Elefant in einer afrikanischen Steppe. Unser menschliches Zeitempfinden ist auch nicht überall gleich. Die Eile-getriebene westliche Welt unterscheidet sich im Zeitempfinden deutlich von der eines ZEN-Klosters im fernen Osten. So ist es auch in der Musik. 

6. Raumakustik! Auch der Vortragsraum will berücksichtigt werden. Stark hallende und reflektierende Räume erfordern ein langsameres Spieltempo als "klangtrockene" Räume. In einem starken Hall und bei starken Echoeffekten (Widerhall) würden sich "schnelle" Klänge überwerfen und zu einem undefinierbaren Klangbrei vermischen. 

7. Gruppendynamik! Ein einer Musikgruppen orientiert man sich am wenigsten erfahrenen Spieler, damit er seine Stimme noch sicher spielen kann. 

8. Der Zuhörer empfindet ein gehörtes Spieltempo immer schneller als der Musiker. Denn er weiß was kommt und ist in seinen Gedanken und Spielweise immer ein Stück voraus. Entscheidend ist aber, was beim Zuhörer ankommt! Er erlebt was für ihn gerade neu entsteht. Deshalb sollen Musiker ihre Stücke immer etwas langsamer vortragen, als sie für sich selbst annehmen würden. 

9. Beim Einstudieren neuer Musikstücke stellt sich die Tempofrage erst ganz am Schluss, wenn die spieltechnischen Elemente gut eingeübt sind. Jeder falsche Ton ist ein Hinweis darauf, dass noch zu schnell gespielt wird.

10. Spielsicherheit hat generell Vorrang vor musikalischem, künstlerischen Ausdruck! Wie künstlerisch ein Spieler sein Stück vorträgt, vermag nur ein erfahrener Musiker beurteilen. Falsche Töne und andere Unsicherheiten hört aber jeder Zuhörer! 

 

 


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