10. Welches ist das beste Knopfbelegungssystem?

Geposted von Carl Hartmuth am

Die kurze Antwort auf die Titelfrage lautet: Keine von den bestehenden Möglichkeiten!

Diskussionen nach dem „besten“ Knopfbelegungssystem für Steirische Harmonikas halten seit langer Zeit an. Mich erreichen wiederholt Fragen, welches System das beste wäre und wie man sich orientieren kann.

 Ein Grundproblem ist, dass diese Knopf- oder auch Tastenbelegungssysteme genannt, nicht einheitlich genormt bzw. festgelegt sind. So wie das zum Beispiel bei der Klavier- Akkordeon- oder Orgeltastatur der Fall ist. Daher gibt es aus der Historie und regional teils von Tal zu Tal in den Alpenregionen unterschiedliche Entwicklungen bei den Knopfbelegungen. Hinzu kommen persönliche oder herstellerspezifische Modifikationen

 Hier eine Auswahl verschiedener Knopfbelegungen:

 -  Altsteirische Systeme mit vielen Abwandlungen

 - Böhmische Systeme mit diversen Modifikationen (zum Beispiel nach Huber, Gmachl, Kalcher, Moisl, Freiwang, Salchegger, usw. )

- Öllerer, Zimmerer, Brunnauer, Haag, Niemann, Wurz, Weber, Strasser, Gutleder, Schaborak, Michlbauer, usw.

- Französische, italienische und osteuropäische Tonbelegungen, wobei es sich hier oft nicht mehr um Steirische Harmonikas handelt, bzw. die Grenzen schwimmend sind. 

Gemäß der Tonbezeichnungen besonders auf der linken Begleitseite sind auch die Griffschriften nicht einheitlich.

Gegenwärtig kristallisieren sich zwei Schwerpunkte heraus:

System Michlbauer: Angleichung historischer Systeme, alphabetische Benennung der Bass- und Begleittöne, Anordnung von zwei Mollakkorden in der Bassinnenreihe auf Zug, zusätzliche Halbtöne mit Bezeichnung H1/H2. Die meisten Griffschriftverlage orientieren sich an diesem System und daher gibt es hier auch die größte und vielseitigste Notenauswahl. Gespielt wird bevorzugt mit fünf Fingern.

System Schaborak: Erste Weiterentwicklung zur „Großharmonika“ mit 50 Diskant- und 21/23 Bassknöpfen.Mollakkorde auf Zug und Druck. Eigene Anordnung von Bässen, damit Bassdurchläufe u. Übergangsbässe besonders für Auswendigspieler leichter zu spielen sind. Gespielt wird bevorzugt mit vier Fingern, an sinnvollen Stellen auch mit fünf. Hier finden sich besonders Anhänger der traditionellen Volksmusik.

Hintergründe meiner Spielweise:

Zunächst begann ich selbst mit der Schule von Max Rosenzopf bei einem älteren Harmonikaspieler, der nach diesem System spielte. Da ich jedoch schon viele Jahre Klavier, Orgel und Akkordeon spielte und studierte, war ich es gewohnt, alle fünf Finger zu verwenden. So stieß ich auf das Michlbauer-System und sattelte darauf um. Dass es noch andere Systeme gibt, wurde mir erst später nach und nach bekannt. Ich möchte die verschiedenen Systeme hier keinesfalls bewerten, zumal keine Harmonika alle Töne anbieten kann und daher jedes System einen Kompromiss aus Möglichkeiten und Einschränkungen darstellt. Was ich jedoch ganz deutlich bemängele und kritisiere ist, dass es kein Standardsystem gibt, das eine Orientierung in die Zukunft bieten kann. 

Vielseitigste Alternative

Wer wirklich einen maximal verfügbaren Tonumfang anstrebt und auch auf vielen Tonarten spielen möchte, ist mit einem chromatischen Akkordeon (Tastenakkordeon) besser beraten. Allerdings muss man hier hinsichtlich des typischen Harmonikaklanges, besonders beim Bass einige Abstriche machen. Mittlerweile gibt es jedoch Akkordeons, die klanglich der Steirischen Harmonika schon nahe kommen. 

 Slavko Avsenik von den Original Oberkrainern spielte zunächst auf der Steirischen Harmonika. Da das Repertoire des Ensembles immer vielfältiger wurde und immer mehr Tonarten zum Einsatz kamen, sattelte er auf das Akkordeon um. Ansonsten müsste er auf der Bühne ständig die Harmonikas wechseln. Die linke Begleitseite der Harmonika verwendete er ohnehin kaum, da die Begleitung vom Baritonhorn und Gitarristen übernommen wurde. Dazu hatte er noch den Vorteil mehrerer Klangregister auf der Diskantseite. Das berühmte Trompetenecho steht im Original in Cis-Dur (7 Kreuze Vorzeichen) und nicht in C-Dur, wie es meistens notiert und gespielt wird. Hierfür müsste man eine Harmonika verwenden, die diese Tonart ermöglicht.

 Ausblick in die Zukunft

 Routinierte Spieler, die ihr System gewohnt sind, sollen ihre Spielweise natürlich beibehalten. Ein Umlernen ist wegen der oft lange antrainierten Spielweise kaum mehr möglich und auch nicht sinnvoll. Jüngere Spieler und auch erwachsene „Anfänger“ werden sich künftig zwischen den beiden meistverbreiteten Systemen entscheiden. Dabei sind sie an ihre Lehrer gebunden.

Vielleicht entsteht doch einmal ein einheitlich definierter Standard, das zur Wahl steht. Hierzu müssten sich jedoch die größeren Harmonikahersteller, Verlage und Musikhochschulen aus allen Alpenländern verständigen. Man kann einen solchen Standard anschließend wählen, muss aber nicht. Alle anderen Systeme zeigen auf, was bei ihnen gegenüber dem Standard anders ist und warum. 

Als Beispiel für eine solche Vereinheitlichung nenne ich das MIDI-System bei elektronischen Tasteninstrumenten. Hier gab es eine unüberschaubare Vielfalt von klanglichen Zuordnungen bis sich die größeren Hersteller aufrafften, in den ersten 1980er Jahren einen Standard zu schaffen, der bis heute verwendet wird. Hier siegte die Vernunft vor dem Konkurrenzdenken und letztlich profitierten alle Beteiligten davon. Ein elektronisches Tasteninstrument ohne diesen Standard ist heute quasi unverkäuflich.  

Vorteile einer Standardisierung:

An einem solchen Standard könnte sich dann auch die Griffschrift orientieren. Dies würde auch die Entwicklung von professionellen Griffschriftschreibprogrammen ermöglichen, die heute noch tief in den Kinderschuhen steckt. 

 Auch der Aus- und Weiterbildung wäre damit sehr geholfen. Gruppenspiele und -seminare sind nur mit gleichen Spielsystemen möglich. Daran scheitern schon viele Bestrebungen in der Weiterbildung und der Bildung von Musikgruppen. 

 Verlage uns Autoren könnten sich ebenfalls an den Standard orientieren. Ich bekomme zum Beispiel immer wieder Rückfragen, ob meine komponierten oder arrangierten Stücke auch für ein bestimmtes anderes Spielsystem verfügbar wäre. Manchmal werden Systembezeichnungen genannt, von denen ich noch nie gehört oder gelesen habe. Es ist für Verlage und Autoren unmöglich, alle Eventualitäten abzudecken. So konnte ich mich beim Schreiben meines umfangreichen Leitfadens auch nur auf ein System stützen. Für jedes weitere System müsste ich dieses Werk mit ca. 600 Seiten Umfang anpassen. 

Harmonikahersteller können sich auf einen Standard stützen und dennoch flexibel bleiben. Sie müssten lediglich die entsprechenden Stimmplatten einsetzen. 

Für viele Musiker und auch Musiklehrer ist es sehr ärgerlich, mit dem historischen und regionalen Wildwuchs zurecht zu kommen. Die sozialen Medien im Internet sind voll von solchen Berichten. Zur Verbreitung der Harmonika trägt dieser Umstand nicht bei und wenn sich das nicht ändert, dürfte die Harmonika weiter ein regionales Nischeninstrument bleiben und der Umstand kann seine Existenz langfristig auch ganz in Frage stellen. Möchte ein Michlbauer-Spieler ein Stück von Schaborak spielen, oder umgekehrt, haben sie schon ein Problem. Es braucht viel Erfahrung und erfordert gute Kenntnisse in der Musiklehre, um zu erkennen, was sie an ihrer Spielweise anpassen müssen, um die gewünschten Stücke spielen zu können. Von noch älteren Systemen wie das böhmische oder altsteirische System gar nicht zu reden. Und noch komplizierter wird es, ein Repertoire mit verschiedenen Spielweisen aufzubauen, bzw. die Stücke umzuschreiben. Musiker wollen musizieren und nicht viel Zeit für das Drumherum verschwenden! Daher bevorzugen viele Musiker ein anderes Instrument oder sie satteln um. Mir sind mehrere Beispiele davon bekannt. O-Ton eines ehemaligen Harmonika- und jetzt Akkordeonspielers: Ich habe keine Lust, immer wieder von vorne zu beginnen....

 Persönliche Empfehlung:

 Bis zur möglichen Standardisierung eines Spielsystems gilt die Frage nicht nach dem besten derzeitigen Spielsystem, sondern nach einem erreichbaren guten Lehrer, der das Harmonikaspielen pädagogisch und spieltechnisch korrekt vermitteln kann. Denn ganz gleich um welches System es sich handelt, jedes muss gut gelernt und geübt werden.


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